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Zölle und Handelskonflikte werden zum größten politischen Risiko für Konzerne

FRANKFURT AM MAIN, 13. Mai 2026 – Global agierende Firmen sehen sich heute stärker durch handelspolitische Maßnahmen, regulatorische Volatilität und politische Polarisierung unter Druck gesetzt als durch kriegerische Konflikte. 61 Prozent berichten für 2026 von konkreten finanziellen Schäden durch Zölle – mehr als zuvor durch den Ukraine-Krieg. Das zeigt der neunte Political Risk Survey von WTW und Oxford Analytica, für den 57 Führungskräfte globaler Konzerne aus Europa, Nordamerika und Asien befragt wurden. 

„Die Zahlen spiegeln eine tiefgreifende Verschiebung wider: Das politische Risiko ist kein Problem ferner Krisenregionen mehr“, sagt Lukas Nazaruk, Head of Corporate Risk & Broking Deutschland und Österreich bei Willis, einem Geschäftsbereich von WTW. „Es ist angekommen in den eigenen Heimatmärkten der Unternehmen – und dabei ist Deutschland besonders exponiert.“ 

Konfliktherde umspannen gesamten Globus 

Die größten Unsicherheiten erwachsen längst nicht mehr aus wenigen, politisch instabilen Regionen, sondern entstehen auf der ganzen Welt. Die befragten Manager beobachten insbesondere handelspolitische Kurswechsel in Nordamerika, den Iran-Krieg sowie den Konflikt zwischen Russland und der NATO mit wachsender Sorge. Dabei merken sie auch, dass geopolitische Konflikte wie der Iran-Krieg weitreichende Folgen auf andere Krisenregionen haben können. „Abhängig davon, wie eine Einigung zur Blockade der Straße von Hormus aussieht, könnte dies einen Präzedenzfall schaffen – mit direkten Auswirkungen auf andere strategisch bedeutsame Meerengen”, sagt Silja-Leena Stawikowski, Senior Account Manager Special Risk bei Willis. 

Drei Viertel der DACH-Unternehmen überdenken Standort 

Die globale Entwicklung schlägt sich auch in den DACH-Ergebnissen nieder: 50 Prozent der DACH-Unternehmen schätzen die US EU Handels  und Industriepolitik als ihr größtes Risiko ein. Hinzu kommen die regulatorische Volatilität der EU etwa bei Berichtspflichten und Nachhaltigkeitsregeln (42 Prozent) sowie handelspolitische Differenzen zwischen China und der EU (33 Prozent). 

In der Folge kämpfen im DACH-Raum 83 Prozent der Teilnehmenden mit steigendem Compliance-, Reporting- und Audit-Aufwand. „Mittlerweile müssen Unternehmen laufend die Entwicklungen zu Exportbedingungen, Zöllen und möglichen Sanktionen prüfen“, sagt Stawikowski. „Da dies nicht mehr nur für einzelne Schwellenländer notwendig ist, spüren sie den Mehraufwand und die Planungsunsicherheit deutlich.“

Diese Risiken wirken sich auf konkrete Geschäftsentscheidungen aus: Drei von vier DACH-Unternehmen geben an, dass Standortentscheidungen – also ob und wo Betriebsstätten verlagert werden – die am stärksten betroffene unternehmerische Entscheidung sind. Das ist der höchste Wert aller untersuchten Regionen weltweit. Stawikowski: „In diesem Umfeld wird politische Analyse zum echten Wettbewerbsvorteil: Ein Konzern, der nationale Trends und internationale Risiken früher erkennt, macht komplexe politische Entwicklungen beherrschbar. Das stärkt seine strategische Handlungsfähigkeit.“

Risikoabsicherung stärker gefragt denn je

61 Prozent der Befragten bewerten Zölle und Handelskonflikte als besonders schwer zu managen. Auch politische Polarisierung innerhalb von Staaten (47 Prozent) sowie sogenannte „Grauzonen Angriffe“ wie wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen, Cyberattacken oder Angriffe auf kritische Infrastruktur (42 Prozent) gewinnen an Bedeutung (Abb. 2). In den letzten Jahren waren Deutschland, Norwegen und Schweden am häufigsten Ziel derartiger Attacken. „Grauzonen-Angriffe entziehen sich allen klassischen Risikokategorien“, so Stawikowski. „Es gibt keinen klaren Moment, an dem Unternehmen reagieren können, sondern die Bedrohung eskaliert schleichend – das macht sie so schwer zu steuern und zu versichern.“

Wirtschaftliche Verluste auf zweithöchstem Niveau

75 Prozent der Unternehmen erfahren 2026 finanzielle Verluste aufgrund der zahlreichen geo- oder handelspolitischen Verwerfungen – nach 2023 der höchste Wert (Abb. 3). Zu den häufigsten Arten gehören Lieferkettenunterbrechungen (49 Prozent), Handels- und Sanktionsmaßnahmen sowie Währungs- und Zahlungsrestriktionen (Abb. 4).

Mit zunehmenden Verlusten wächst auch die Bedeutung von Risikotransfer: So stieg die Nutzung von Political Risk Insurance 2026 auf 28 Prozent, gegenüber 18 Prozent im Vorjahr. Gleichzeitig setzen 35 Prozent der Unternehmen Warenkreditversicherungen gezielt zur Absicherung geopolitisch bedingter Zahlungsausfälle ein – mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

„Für global tätige Unternehmen nimmt die Unberechenbarkeit weiter zu. Sie müssen sich strategisch auf die Folgen politischer Risiken vorbereiten – und zwar heute, nicht erst wenn sich die Lage weiter zuspitzt“, warnt Stawikowski. Essenziell sei es, ein breit aufgestelltes Lieferantennetzwerk aufzubauen, um Abhängigkeiten zu reduzieren, die eigenen Standorte und Lieferketten zu hinterfragen und besonders exponierte Teile der Wertschöpfungskette ausreichend abzusichern. „Denn eines ist klar: Sobald ein militärischer oder handelspolitischer Konflikt eskaliert, ist es zu spät, sich um Alternativen zu kümmern.“