FRANKFURT AM MAIN, 29. September 2026 – Das Vertrauen von Unternehmen der Lebensmittel-, Getränke- und Agrarindustrie in ihre eigene Risikosteuerung ist drastisch geschwunden: Nur noch 62 Prozent sind der Meinung, dass sie ihre Risiken teilweise oder vollständig unter Kontrolle haben – 2024 waren es noch 75 Prozent, 2022 sogar 89 Prozent (Abb. 1). Das zeigt der dritte globale Food, Beverage & Agriculture Risk Report von Willis, einem Geschäftsbereich von WTW, in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsunternehmen Coleman Parks. „Der Vertrauensverlust spiegelt, wie sehr sich das Risikoumfeld der Branche in den vergangenen Jahren verschärft hat“, sagt Safak Okur, Head of Broking Deutschland und Österreich bei Willis. „Von Extremwetterereignissen über Handelskonflikte bis hin zu Produktkontaminationen – all das trifft Unternehmen heute gleichzeitig und stärker als je zuvor. Diese neue Realität überfordert viele Verantwortliche.“
Für die Untersuchung wurden im Februar und März 2026 weltweit 450 Entscheidungsträger führender Unternehmen der Lebensmittel-, Getränke- und Agrarindustrie befragt.
Lebensmittelsicherheit rückt in den Mittelpunkt
Kein Thema beschäftigt die Branche aktuell mehr als die Lebensmittelsicherheit. Laut dem Survey stufen 45 Prozent der Befragten Lebensmittel- und Gesundheitsrisiken als internes Top-Risiko ein – ein Sprung um 16 Prozentpunkte gegenüber 2024 (Abb. 2). Im europäischen Raum (EMEA) sehen sogar 52 Prozent darin ein zentrales Risiko. „Lebensmittelsicherheit war schon immer ein Kernthema der Branche. Doch die öffentliche Debatte über hochverarbeitete Lebensmittel, steigende Transparenzanforderungen und eine zunehmende Klagebereitschaft in einzelnen Märkten verleiht ihr eine neue Dringlichkeit“, sagt Frederik Eggers, Senior Director, Sales & Client Management bei Willis. Unternehmen müssen daher ihre Präventions- und Kontrollmechanismen entsprechend anpassen.
Entscheidend ist zunächst eine strikte Qualitätskontrolle. Diese umfasst unter anderem Lebensmittelsicherheitstests nach HACCP-Grundsätzen sowie Zulassungsverfahren und Audits für Lieferanten und Co-Hersteller. Doch selbst die besten Kontrollen schließen einen Rückruf nicht aus. „Unternehmen sollten auch für den Ernstfall vorsorgen, etwa durch einen Versicherungsschutz, der die Kosten für Betriebsunterbrechung, Anlagenreinigung, Rechtsverteidigung und Krisenmanagement abdeckt“, sagt Eggers.
Ein proaktives Risikomanagement wird damit zur Voraussetzung, um diesen Herausforderungen zu begegnen – nur fehlt vielen Unternehmen dazu das Rüstzeug: Über die Hälfte der Teilnehmer (56 Prozent) beklagen fehlende interne Risikomanagement-Tools und mangelnden Einblick in ihre Risiken; 2024 waren es nur 33 Prozent. Auch das Budget wird knapper: 51 Prozent sehen darin eine Hürde (2024: 28 Prozent). Eggers: „Die Zahlen zeigen deutlich: Viele Unternehmen erkennen zwar die wachsende Bedeutung eines proaktiven Risikomanagements, verfügen aber noch nicht über die notwendigen Instrumente, Daten und finanziellen Mittel, um ihre Risiken wirklich transparent zu steuern. Wer Rückrufe, Lieferkettenprobleme oder Qualitätsvorfälle wirksam beherrschen will, muss Risikomanagement deshalb stärker als strategische Investition verstehen und nicht als reine Kostenposition.“
Internationale Lieferketten werden zur Achillesferse
Auch jenseits der Produktrisiken wächst die Unsicherheit: 44 Prozent der Befragten verorten Lieferketten- und Infrastrukturrisiken unter den Top 10 der internen Risiken. „Geopolitische Auseinandersetzungen haben den Schiffsverkehr, den Energiesektor und die Verfügbarkeit von Rohstoffen massiv unter Druck gesetzt“, so Eggers. „Hinzu kommen Handels- und Zollkonflikte, die für weitere Unsicherheiten sorgen.“
Im schlimmsten Fall führen Verzögerungen oder Ausfälle in der Lieferkette zu einer Betriebsunterbrechung. Das bedeutet: Unternehmen müssen ihre Business-Continuity-Pläne breiter denken. Eggers: „Maschinenbruch, Feuer oder Unwetter am eigenen Standort sind längst nicht mehr die einzigen Gefahren für einen reibungslosen Betrieb.“ Genauso wichtig sei es, Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten zu reduzieren, sicherzustellen, dass benötigte Rohstoffe verfügbar bleiben, und digitale Steuerungssysteme einzuführen.
Klimarisiken eher gering priorisiert
„Bei aller Sorge um Lieferketten und Infrastruktur richten Unternehmen ihren Blick jedoch nicht in gleichem Maß auf die Risiken, die künftig am bedrohlichsten sein könnten, nämlich Wetterextreme und Klimafolgen“, merkt Eggers an. Die Umfrageergebnisse zeigen eine Diskrepanz zwischen der strategischen Bedeutung von ESG und der Risikowahrnehmung des Klimawandels: Während 84 Prozent der Unternehmen angeben, dass ESG in den nächsten zwei Jahren Priorität haben wird (Abb. 3), nennen nur 29 Prozent (EMEA: 34 Prozent) Unwetterereignisse als wichtiges Risiko. „Die Diskrepanz erklärt sich vor allem dadurch, dass ESG häufig als strategisches Reputations- und Compliance-Thema verstanden wird, während Klimarisiken noch zu selten als konkrete operative Bedrohung bewertet werden. Unternehmen müssen diese Lücke schließen, indem sie Wetterextreme nicht nur als Nachhaltigkeitsfrage betrachten, sondern als unmittelbares Risiko für Standorte, Lieferketten, Produktion und Bilanz“, so Eggers.